Seminararbeit eingereicht am 18. März
1999 von
In dieser Arbeit soll am Beispiel Nordirlands der Hypothese nachgegangen werden, daß eine negative Vergangenheit in den gesellschaftlichen Diskursen tabuisiert wird, solange keine offiziellen Schritte zur Aufbereitung der Vergangenheit unternommen werden. Zu diesem Zweck beginnt die Arbeit im zweiten Kapitel mit einer Einführung in die Entwicklung des Nordirlandkonfliktes und einer Erläuterung konflikttheoretischer Annahmen hinsichtlich der Beschafffenheit dieses Konfliktes. Im Anschluß werden im dritten Kapitel verschiedene Arten der Vergangenheitsbewältigung diskutiert werden, die von der minutiösen Aufarbeitung mit Hilfe von Truth Commissions bis zur Tabuisierung des vergangenen Geschehens reichen. In diesem Zusammenhang diskutieren Geschichtswissenschaftler die angemessene Methode der Vergangenheitsbewältigung im Falle Nordirlands.
Zusätzlich zum Wissen über die gesellschaftliche Situation in Nordirland ist eine Erläuterung der Beschaffenheit von gesellschaftlichen Tabus und ihrer Manifestation in der Sprache notwendig, auf die sich das vierte Kapitel bezieht. Das fünfte Kapitel diskutiert die Methoden der Critical Discourse Analysis sowie das Verhältnis zwischen Mediendiskurs und den Diskursen innerhalb der Gesellschaft. Mit Hilfe der vorangegangenen Erläuterungen wird im sechsten Kapitel schließlich eine sprachliche Analyse einer Auswahl von 50 Beiträgen aus irischen und britischen Tageszeitungen aus dem Zeitraum von zwei Wochen im Januar 1999 durchgeführt werden. Dabei sollen die Ausdrucksweisen fokussiert und analysiert werden, mit denen Journalisten sich auf Aspekte der unmittelbaren irischen Vergangenheit sowie auf die derzeitige politische Situation beziehen. Im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Mediendiskurs und gesellschaftlichem Diskurs sollen anhand dieser sprachlichen Analyse Rückschlüsse auf die derzeitige Einstellung der irischen Gesellschaft gegenüber ihrer Vergangenheit ermöglicht werden. Anhand der so erhaltenen Ergebnisse läßt sich die anfangs aufgestellte Hypothese im siebten Kapitel daher verifizieren oder gegebenenfalls falsifizieren.
Konflikttheoretiker erklären diese Dynamik mit der Situation der beiden gegnerischen Gruppen zueinander. Cunningham erläutert in seinem Essay verschiedene Konflikttheorien und überprüft sie auf ihre Anwendbarkeit auf den Nordirlandkonflikt (vgl. Cunningham 1998). Beide der zwei groben theoretischen Richtungen geben dabei aufschlußreiche Einblicke in die Entwicklung der derzeitigen Situation. Die sogenannte Enemy System Theory basiert auf der Annahme, menschliches Denken strukturiere die Lebenswelt meist mit Hilfe von Dichotomien, durch die im Falle von Gruppenverhältnissen eine Dichotomie des Ich oder Wir gegenüber der Gruppe der anderen entsteht. Das allgemeine menschliche Bedürfnis nach einer positiven Identität führt dabei dazu, daß die sogenannte Outgroup gegenüber der Ingroup mit negativen Attributen belegt wird. Verschärft wird diese Tatsache durch die Erkenntnisse der Human Needs Theory, nach der gesellschaftliche Gruppen danach streben, nicht nur ihre materiellen, sondern auch ihre ideellen Bedürfnisse, wie das nach einer positiven Identität, zu sichern. Erreichen sie dabei ihr Ziel nicht, kommt es in der Gruppe zu Frustration, die im Form von Aggressionen, in diesem Falle in Form von Kriegen, entladen wird.
Cunningham stellt dabei fest, daß der Nordirlandkonflikt hier einem Nullsummenspiel gleichkommt. Ein Gewinn der einen Seite bedeutet zwangsläufig einen Verlust für die andere Seite. In diesem Aspekt sieht Cunninngham den Grund für die scheinbare Endlosigkeit des Nordirlandkonfliktes. Eine Lösung läßt sich daher ihm zufolge durch die gegenwärtigen Verhandlungen von Politikern nicht lösen, da das Aushandeln eines Vorteils für die eigene Gruppe selbst bei sensiblen Kompromissen immer einen Nachteil für die andere Gruppe bedeutet. Den einzigen Ausweg sieht Cunningham daher in Konzepten, die beiden Seiten bewußt machen, daß ihre Bedürfnisse möglicherweise einander nicht ausschließen. Bei genauerer Analyse entpuppten sich nämlich die scheinbar gleichen Motive für einen Konflikt als völlig unterschiedliche Bedürfnisse zweier Gruppen, die einander nicht ausschließen. So könne beispielsweise eine Gruppe eher das Bedürfnis nach dem Besitz eines bestimmten Territoriums haben, um ihr Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen, während die andere Gruppe dadurch ihrem Bedürfnis nach kultureller Identität gerecht werden will. Cunningham schlägt ein dreistufiges Programm vor, durch das sich zwei Gruppen dieser Unterschiede bewußt werden können, so daß aus dem ursprünglichen Nullsummenspiel eine Situation mit Gewinnperspektiven für beide Seiten erwachsen kann (vgl. Cunningham 1998). Dennoch wurden in den letzten Jahren vor allem auf politischer Ebene Einigungen erzielt, die zwar derzeit sehr kontrovers diskutiert werden, gleichzeitig jedoch als verheißungsvolle Schritte auf dem Weg zu einer friedlichen Beilegung des Konfliktes wahrgenommen werden.
Für europäische Ohren mag dieses Verfahren einen fadenscheinigen Eindruck erwecken. Den Tätern wäre es schließlich ein leichtes, sich der Kommission zu stellen und ohne wirkliche Reue die Opfer um Vergebung zu bitten, um in den wertvollen Status der Straffreiheit zu gelangen. In der südafrikanischen Gesellschaft sind derartige Geständnisse jedoch einem Moralkodex unterworfen, der stark genug ist, um die Mitglieder der Gesellschaft von einem solchen Betrug abzuhalten. Bei weitem nicht alle Menschen, die sich in der Vergangenheit eines politischen Verbrechens schuldig gemacht haben, bewerben sich um ein Verfahren der Truth Commission. Viele dieser Menschen bereuen ihre Taten nicht oder sehen in dem geforderten Face-to-face-Geständnis eine zu große Erniedrigung ihrer eigenen Person (vgl. Garton Ash 1997: 34). Besonders die katholische Kirche, in der Kommission vertreten durch den südafrikaischen Erzbischof Desmond Tutu, unterstützt diese Methode der Vergangenheitsbewältigung mittels individueller Geständnisse. Folglich wird die Truth Commission auch hauptsächlich von Anhängern des christlichen Glaubens in Anspruch genommen. Der Glaube an das christliche Gebot der Nächstenliebe veranlaßt sowohl Täter als auch Opfer, eine Vergebung und Verzeihung auf persönlicher Basis für möglich und erstrebenswert zu halten (vgl. Garton Ah 1997: 33).
Insbesondere in der deutschen Gesellschaft hat sich jedoch auch ein allgemein verbreiteter Konsens hinsichtlich der Art und Weise der Vergangenheitsbewältigung herausgebildet. Demnach haben Gesellschaften, die ihre Fehler aus der Vergangenheit nicht erinnern und ihrer nicht bewußt bleiben, aus ihren Fehlern nicht gelernt und laufen Gefahr, diese Fehler in Zukunft zu wiederholen. Die Verbreitung dieser Argumentation ist aufgrund der fatalen Vergangenheit Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert nicht verwunderlich. Timothy Garton Ash folgert daraus sehr richtig, daß es in Deutschland heute politisch unkorrekt sei, dieses Wissen in irgendeiner Weise anzuzweifeln (vgl. Ash 1998: 35). In vielen Kreisen der deutschen Gesellschaft dürfte der Gedanke an eine legitime Verdrängung der NS-Vergangenheit auch auf rein persönlicher und gedanklicher Ebene ein Tabu sein. Insbesondere die Political Correctness-Bewegung basiert auf der Annahme, daß die Einhaltung bestimmter Sprachformen auch die persönliche Einstellung zu dem betroffenen Aspekt entsprechend Formen kann. In diesem Falle wäre eine Etablierung dieser Sprachformen gewiß wünschenswert. Zöllner argumentiert jedoch, daß eine derartige Beeinflussung der persönlichen Meinung durch sprachliche Formen nicht erwiesen sei. Daher bestehe die Gefahr einer schlichten sprachlichen Überdeckung eigentlich negativer Meinungen (vgl. Zöllner 1997: 256).
In der deutschen Gesellschaft unterliegt die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einer derart permanenten und allgegenwärtigen Diskussion, daß die Möglichkeit legitimen Vergessens gar nicht mehr denkbar scheint. In dieser Diskussion spiegeln sich die Grundfunktionen eines Tabus wider. So schützt eine permanent aufrechterhaltene Diskussion um den Umgang mit der NS-Vergangenheit vor dem tabuisierten Aspekt, nämlich dem Vergessen. Gäbe sich die deutsche Gesellschaft kollektiv diesem Vergessen hin, liefe sie Gefahr, vom Ausland sozial geächtet zu werden. Während diese Gefahr der Ächtung auch zwischen Individuen bestehen kann, hat sie doch auf nationaler Ebene viel weitreichendere Auswirkungen. Zum zweiten erfüllt das Tabu des Vergessens wie viele Tabus eine wichtige Funktion bei der Aufrechterhaltung der Identität der deutschen Gesellschaft. Wer weiterhin über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit spricht, darf sich zu der Gemeinde der Deutschen zählen, die ihre eigene Vergangenheit kollektiv verurteilen und nicht in den Verdacht geraten können, sie gut zu heißen.
Nach einem umfassenden Überblick über die unterschiedlichen Abläufe der Vergangenheitsbewältigung in den verschiedenen Ländern kommt Ash zu dem Schluß, daß eine Aufarbeitung der Vergangenheit möglicherweise erst nach einer gewissen zeitlichen Distanz sinnvoll und durchführbar ist (vgl. Ash 1998: 36). Zum einen seien die Beteiligten unmittelbar nach dem Konflikt noch zu sehr emotional von ihren Erlebnissen belastet, um eine sinnvolle Aufarbeitung gewährleisten zu können. Zum anderen könne eine verfrühte Aufarbeitung jedoch auch dazu führen, daß die neu errichtete Demokratie geschwächt werde, indem sie sich die geschichtliche Belastung ihrer Mitglieder zu sehr vor Augen führe. Frühere Funktionäre und Mittäter sind häufig in einer solchen Überzahl vorhanden, daß sie vom neuen System nicht einfach ausgeschlossen, sondern integriert werden müssen. Ihnen müsse daher eine angemessene Periode eingeräumt werden, um sich zu Demokraten zu wandeln, so Ash (vgl. Ash 1998: 36).
Weiterhin stellt Ash die Frage danach, wer sich an der Aufarbeitung der Vergangenheit beteiligen solle. Dabei erscheint die Durchführung mittels Außenstehender eine vielversprechende objektive Perspektive zu verschaffen, die möglicherweise im Nürnberger Prozeß nach dem Zweiten Weltkrieg angestrebt worden ist. Das Recht, Vergebung und Verzeihung auszusprechen sei jedoch allein den Opfern selbst zuzugestehen (vgl. Ash 1998: 36). Das Beispiel der Einsicht in die Stasi-Akten im wiedervereinigten Deutschland zeigt außerdem, zu welchen emotionalen Konflikten die Einbeziehung anderer führen kann. So sprechen Ostdeutsche den Menschen in den alten Bundesländern häufig die Fähigkeit und das Recht ab, über die DDR-Vergangenheit zu sprechen oder gar zu urteilen (vgl. Ash 1998: 36).
So befürwortet Kenneth Bloomfield, Leiter der Northern Ireland Victims Commission, einem Ausschuß, der das Ausmaß der Schädigung von Opfern und Angehörigen ausloten soll, eine sofortige Inangriffnahme einer kollektiven Aufarbeitung der negativen Vergangenheit. Gemäß Bloomfield müsse eine negative Vergangenheit in jedem Falle erinnert werden, um aus ihr für die Zukunft zu lernen und um die einmal begangenen Fehler nicht zu wiederholen. Des weiteren sei es eine Pflicht des Staates gegenüber den Opfern und ihren Hinterbliebenen und Angehörigen, deren Leiden zu erinnern und anzuerkennen. Zu diesem Zweck fordert Bloomfield den Einsatz aller allgemein bekannten Hilfsmittel zur öffentlichen Erinnerung wie einer Gedenkstätte in Form eines Gartens oder eines Gebäudes, eines Gedenktages sowie eines Gedenksymbols zur einprägsameren Identifizierung. Neben der symbolischen und rituellen Ebene sollen eine Stiftung sowie besondere Bestimmungen im Wohlfahrtsgesetz für eine materielle Entschädigung der betroffenen sorgen (vgl. Bloomfield 1998).
Hamber selbst dagegen schließt sein Buch dagegen mit der Hypothese, die Zeit für eine minutiöse Aufarbeitung der Vergangenheit und Übernahme von Verantwortung für begangene Verbrechen sei in Nordirland noch nicht reif. Die klassischen Formen der Vergangenheitsbewältigung mittels Gedenkstätten und Gedenkveranstaltungen seien auch in Nordirland schon immer vollzogen worden. Hamber bemängelt an ihnen jedoch, daß sie das komplette Ausmaß des gesellschaftlichen Schadens immer nur selektiv und daher zugleich sektionistisch wahrnähmen. So gedenke jede Gemeinde meist nur ihrer eigenen Opfer, so daß die jeweils andere Seite fast automatisch in die Position eines Feindes projiziert werde. Derartige Formen der Vergangenheitsbewältigung seien daher dem gesamtgesellschaftlichen Heilungsprozeß nur wenig zuträglich.
Eine kollektive Aufarbeitung
der Vergangenheit, die verbunden wäre mit einer Übernahme von
Verantwortung aller beteiligter Seiten für ihre Verbrechen, hält
Hamber dagegen im Falle Nordirlands eher schädlich:
“Equally, given the history
of sectarianism in Northern Ireland, and that peace is not yet firmly entrenched,
an official truth recovery process could also increase political tensions
and lead to unnecessary, and unrepentant, finger-pointing.” (Hamber
1998b)
Eine derart gründliche
Aufarbeitung hält Hamber im Falle Nordirlands ohnehin für unwahrscheinlich,
da die Entscheidung zu diesem Schritt schließlich erst von den Gruppen
der Gesellschaft selbst getroffen werden müsse. Zu dieser Übereinkunft
werde es jedoch Hamber zufolge in Nordirland in nächster Zeit nicht
kommen. Zwischen den beteiligten Gruppen bestehe ein zu ebenmäßiges
Machtgleichgewicht, das sich im Falle einer Schuldoffenbarung negativ zugunsten
der bekennenden Seite verändern könnte. Daher forderten beide
Seiten grundsätzlich ein Bekenntnis der anderen Seite, ziehen es jedoch
vor, die Wahrheit über die eigene Beteiligung im Verborgenen zu halten,
um die eigene Partei nicht zu schwächen. Eine Aufforderung zum Schuldbekenntnis
komme daher vielmehr dem Verlangen, die gegnerische Seite zu schwächen,
als einem wirklichen Streben nach Frieden gleich (vgl. Hamber
1998b). Hamber fordert in seinem Kommentar nicht explizit dazu auf,
die Greueltaten des Nordirlandkonfliktes zu vergessen, verweist jedoch
implizit darauf, daß ihm eine Ignorierung der Vergangenheit derzeit
die einzige praktikable Methode zu sein scheint.
Auch einige Theologen sehen den einzigen Ausweg aus dem scheinbar endlosen Konflikt in einem Paradigmenwechsel. Eine solche Verschiebung des Kontexts ließe sich beispielsweise von einer voranschreitenden Integration Irlands in die Europäische Union erwarten. Terence McCaughey, Senior Lecturer am Irish Department des Trinity College Dublin, hält dagegen einen Paradigmenwechsel für erforderlich, der gleichsam eine Ruhephase in den Lauf der Geschichte einfügt, der es den Beteiligten erlaubt, ihre Situation völlig neu zu überdenken. Als Beispiele für ähnliche Prozesse in der europäischen Geschichte verweist McCaughey auf die Reformation, bei der die Konzeption des Christentums neu reflektiert wurde, oder auf die Zeit der Aufklärung, in der das gesamt Weltbild neu erdacht wurde. Ein ähnlicher Einschnitt, der mit einer zeitlichen „Ruhepause“ einherginge, würde es McCaughey zufolge auch den Iren ermöglichen, die gesellschaftliche Lage ausreichend zu reflektieren und neu zu positionieren (vgl. McCaughey 1993: 117-129).
Nachdem dieses Kapitel einen Abriß über die gesellschaftliche und politische Entwicklung in Nordirland sowie die ethische Diskussion um mögliche Lösungsansätze vermittelt hat, sollen im folgenden Abschnitt die Bedeutung von Tabus im Allgemeinen sowie ihre gesellschaftliche Funktion und ihre sprachliche Manifestation erläutert werden. Auf der Grundlage des Wissens über den Zustand der irischen Gesellschaft zusammen mit dem Wissen über die Funktion von Tabus kann im Anschluß eine fundierte sprachliche Analyse vorgenommen werden.
Seine erstmalige Verwendung in der europäischen Literatur verdankt der Begriff des Tabus dem Seefahrer James Cook, der damit auf seiner Expedition in den Jahren 1768-80 Handlungen der Bewohner Polynesiens beschrieb, die ihm unverständlich blieben. Aus der dort geläufigen Tongasprache ließen sich die Wörter ta pu gleichsam mit der Bezeichnung für etwas außerordentliches übersetzen (vgl. Schröder 1998a). Seither hat sich dieser schwer faßbare Begriff des Tabus, dessen Bedeutungsgehalt sich im Verständnis Cooks lediglich auf die Bezeichnung eines kulturellen Verbotes beschränkte, in den meisten europäischen Sprachen etabliert. Dabei wird es auch rückwirkend auf geschichtliche Phänomene angewendet, die der Anwendung auf die Rituale der Südseegesellschaften sicherlich noch am nächsten kommen.
In seiner umfassenden Mythensammlung The Golden Bough erklärt Sir James Frazer schon um die Jahrhundertwende die Funktion derartiger archaischer Tabus. Dabei erkennt Frazer, daß zwischen den tabuisierten Objekten und der sprachlichen Bezugnahme ein enger Zusammenhang besteht (vgl. Frazer 1911: 417). Erst durch die Veränderung und Modifikation der sprachlichen Bezeichnung erhalten die tabuisierten Objekte oder Handlungen eine soziale Markierung. Eine sprachliche Analyse einer gesellschaftlichen Gruppe kann daher meist weitreichende Aufschlüsse über die in ihr vorherrschenden Tabus geben.
In einer weiteren Dimension können Tabus nach der Absolutheit ihrer Gültigkeit unterschieden werden. Vor allem archaische Tabus genossen meist eine unbedingte Validität, deren Nichteinhaltung meist mit strengen sozialen Sanktionen geahndet wurde. So schildert Frazer das Verbot der direkten Benennung der Namen von Gottheiten in archaischen Gesellschaften und erklärt es mit der menschlichen Annahme, Götter, Geister, Tiere oder sogar Dinge hörten und verstünden ihre sprachlichen Äußerungen. Hörten sie, daß die Menschen über sie sprachen, so werteten sie dies als Respektlosigkeit seitens der Menschen und sannen nach einer Strafe. Um diese tabuisierten Wesen also nicht direkt anzusprechen oder um zumindest auf eine positive Weise über sie zu sprechen, wichen die Menschen Frazer zufolge auf Umschreibungen und Ersatzwörter aus (vgl. Frazer 1911: 417). Da die Einhaltung dieser Verbote aus damaliger Sicht eine für den ganzen Volksstamm potentiell lebenserhaltende Maßnahme war, wurden Verstöße oft sogar mit dem Leben bestraft.
Andere Tabus dagegen erfüllen soziale Funktionen von geringerer Dringlichkeit und werden daher auch weniger stark sanktioniert. So können Tabus beispielsweise zur Aufrechterhaltung der kulturellen Identität einer Gruppe beitragen. Konrad Koestin argumentiert, daß das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch in Nomadenvölkern nicht aus hygienischen, sondern aus Identitätsgründen aufrechterhalten werde. Demnach konnte dieses Speiseverbot erst durch eine interkulturelle Kontaktsituation entstehen, in der die relevante Gruppe ihre Identität aufrechterhalten wollte. Die Gruppe der Nomaden sei in diesem Fall auf seßhafte Völker getroffen, deren augenscheinlichstes Merkmal aus ihrer Sicht die Domestizierung des Abfälle fressenden Hausschweins gewesen sei. Um sich von dem seßhaften Völkern symbolisch abzugrenzen, verhielten sich die Nomadenvölker nun kontrastiv zu den seßhaften Völkern und verboten den Verzehr von Schweinefleisch in ihrer eigenen Kultur (vgl. Koestin 1977: 168-169).
Sprachwissenschaflter haben aus verschiedenen Perspektiven versucht, diesen sprachlichen Wandel auf einen Wandel in der Gesellschaft zurückzuführen. Während der Regierungszeit Königin Viktorias in den Jahren 1837 bis 1901 hat die britische Gesellschaft einen starken ökonomischen Aufschwung erfahren. Noble erklärt das zeitgleiche Ansteigen der Häufigkeit von Euphemismen in der Sprache mit den veränderten Lebensbedingungen im industrialisierten England im Gegensatz zur vorindustriellen Gesellschaft. Die in der damaligen Zeit stark anwachsende soziale Mittelschicht siedelte sich hauptsächlich in städtischen Räumen an. Gemäß Noble stellten natürliche Vorgänge, wie beispielsweise Geburt und Tod, für die Menschen in ruralen Gesellschaften keine Besonderheit dar. Da sie diese Vorgänge täglich auch bei Tieren und in der Natur miterlebten, war die Erfahrung von Geburt und Tod ein fester Bestandteil ihres alltäglichen Lebens. Menschen in städtischen Umfeldern hatten Noble zufolge keinen derart direkten Kontakt zu diesen körperlichen Prozessen mehr, so daß sie als ungewöhnlich und unbekannt markiert wurden. Aus dieser Veränderung erklärt Noble das Ansteigen der Euphemismen zu dieser Zeit als sprachliche Reflexion der veränderten Einstellung der Menschen gegenüber natürlichen Prozessen (vgl. Noble 1982: 11).
Eine soziologisch fundiertere Erklärung bietet Nicole Zöllner, die nicht nur das Anwachsen einer wohlhabenden Mittelschicht berücksichtigt, sondern als Konsequenz daraus auch eine Umstrukturierung der ganzen Gesellschaft in Betracht zieht. Zöllner zufolge sahen die Angehörigen der etablierten Aristokratie ihre Distinktheit, die sie gegenüber der restlichen Bevölkerung bisher allein durch die Verfügung über größere materielle Ressourcen aufrechterhalten konnte, durch das Anwachsen einer ebenso reichen bürgerlichen Mittelschicht gefährdet. Aus diesem Grund habe die Aristokratie begonnen, die ihr eigene Tradition von Etiquette- und Verhaltensvorschriften, in der ein weiteres Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Bürgertum lag, intensiver zu pflegen und hervorzuheben. Zu diesem Kodex gehörten nicht nur alle Arten von gesellschaftlichen Konventionen, sondern auch die Pflege eines besonders prestigeträchtigen Sprachstils. Körperlichkeit und damit verbundene Themenkomplexe wie Geburt und Tod assoziierte die Aristokratie mit ärmeren Bevölkerungsschichten. Um sich von diesen sprachlich abzugrenzen und dennoch über die nun tabuisierten Objekte sprechen zu können, kam ein verstärkter Bedarf an Euphemismen zustande.
Doch gemäß Zöllner zieht sich dieser Bedarf nach Abgrenzung gegenüber standesniedrigeren Gruppen durch die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Auch die neue Mittelschicht wollte sich daher von der sozial weniger prestigeträchtigen Arbeiterschaft abgrenzen und orientierte sich dabei an den einen sozialen Aufstieg versprechenden Umgangsformen der Aristokratie. Durch diesen immer fortlaufenden Prozeß haben sich Zöllner zufolge sprachliche Umgangsformen in der gesamten Gesellschaft etabliert (vgl. Zöllner 1997: 63-64).
Zöllner untersucht in ihrer Dissertation den Gebrauch von Euphemismen in der Sprache. Nach einer ausführlichen Diskussion der Funktionsweise verschiedener Euphemismen (vgl. Zöllner 1997: 129-160) behandelt sie deren Rolle im Rahmen der gegenwärtigen Political Correctness-Bewegung (vgl. Zöllner 1997: 211-316). Dabei legt Zöllner einen vergleichsweise weit gefaßten Euphemismen-Begriff zugrunde. In ihrer Kategorisierung unterscheidet Zöllner auf einer ersten Ebene Euphemismen nach ihrem Verhältnis zu dem eigentlichen Begriff, den sie substituieren sollen. Eine häufig verwendete Relation besteht im Wechsel der Generalisierungsebene. So läßt sich Zöllner zufolge ein Teil durch ein Ganzes (vgl. Zöllner 1997: 130-131) oder aber ein Ganzes durch ein Teil (vgl. Zöllner 131-133) ausdrücken. Als Beispiel für die erstgenannte Relation führt Zöllner den Begriff Baum als allgemeinere Substitution für den spezielleren Begriff Ahorn an (vgl. Zöllner 1997: 130). Für letztgenannte Relation zieht Zöllner ein Beispiel von Allan und Burridge hinzu, die auf die Verwendung des Wortes the whites in seiner Bezeichnung für die Scheidenflüssigkeit der Frau verweisen (Allan/Burridge 1991: 18). Weiterhin können Euphemismen zum bezeichneten Objekt im Verhältnis von Metaphern (vgl. Zöllner 1997: 133-135), Hyperbeln, Untertreibungen und Litotes (vgl. Zöllner 1997: 135-137) sowie Umschreibungen (vgl. Zöllner 1997: 137-138), Clippings, Acronymen, Abkürzungen und Auslassungen (vgl. Zöllner 1997: 138-140) stehen.
Eines ähnlichen Ansatzes bedient sich Sigrid Luchtenberg (vgl. Luchtenberg 1985). Während sich jedoch Zöllner auf die exakte sprachwissenschaftliche Klassifizierung und Beschreibung der Euphemismen konzentriert, hält sich Luchtenberg vorrangig an eine thematische Gliederung, die aufzeigen soll, welche lebensweltlichen Bereiche besonders häufig unter der Zuhilfenahme von Euphemismen angesprochen werden. Luchtenberg unterscheidet zusätzlich zwischen verhüllenden und verschleiernden Euphemismen. Unter verhüllenden Euphemismen versteht Luchtenberg demnach Sprechweisen, die einen unangenehmen Sachverhalt nur vage benennen. Verschleiernde Euphemismen dagegen ermöglichen es einem Sprecher oder Autor, die Aufmerksamkeit des Hörers oder Lesers auf einen ganz bestimmten Aspekt des Sachverhaltes zu lenken (vgl. Luchtenberg 1985: 167). Diese Unterscheidung verweist zugleich auf die Möglichkeit der Manipulation seitens des Sprechers oder Autors und ist daher für die spätere Interpretation von Euphemismen im Rahmen dieser Arbeit hilfreich.
Ulla Günther nähert sich dem Sprachgebrauch dagegen von einer thematisch fixierten Perspektive und forscht nach den unterschiedlichen Methoden zur sprachlichen Behandlung tabuisierter Themen, unter denen der Gebrauch von Euphemismen nur eine Variante darstellt. So wählt Günther die Verwendung von Metaphern als eigenständige Kategorie (vgl. Günther 1992: 218) während Zöllner sie als Bestandteil der Klasse der Euphemismen behandelt (vgl. Zöllner 1997: 133). Die Wirkung der Verwendung von Euphemismen dagegen vergleicht Günther der von Fachvokabular (vgl. Günther 1992: 218). Auf syntaktischer Ebene führt Günther die bewußte Betonung oder Aussparung eines Agens an, die eine hervorhebende, beziehungsweise verschleiernde Wirkung zur Folge haben kann (vgl. Günther 1992: 218). Durch Mittel wie die der Redewiedergabe und der Rollenspezifikation können Sprecher die Gewichtung von Aussagen steuern (vgl. Günther 1992: 218). Die Vermeidung bestimmter Worte sowie eine vage Ausdrucksweise sind weitere einfachere Mittel zur Umgehung von Tabus (vgl. Günther 1992: 219), die in der Einteilung von Zöllner zu den Euphemismen in Form einer partikularisierenden Synekdoche gezählt werden (vgl. Zöllner 1997: 130). Zusätzliche Angaben können eine Aussage außerdem einschränken, so daß die direkte Referenz auf ein Tabu abgeschwächt wird (vgl. Günther 1992: 220). Schließlich erwähnt Günther die Verwendung von Proformen als Mittel zur indirekten Referenz als eines der innerhalb des von ihr untersuchten Korpus am häufigsten angewandten Mittel zur Verhüllung (vgl. Günther 1992: 221).
Für die vorliegende Arbeit erscheint die Übernahme der Einteilung von Günther zunächst sinnvoller, da auch hier vorrangig nach der Existenz von Tabus gesucht werden soll. Dennoch muß die Gliederung von Günther einige Einschränkungen erfahren, da sie auf die Analyse gesprochener Sprache ausgelegt ist. Vermehrt weist Günther darauf hin, daß der Gebrauch von Euphemismen und Metaphern in ihrem aus Phone-in-Sendungen stammenden Korpus kaum von Bedeutung ist, und begründet dies mit der Annahme, daß Sprecher sie dort vermeiden, da sie von einem unbekannten Publikum nicht mißverstanden werden wollen (vgl. Günther 1992: 218). Während Günther die Sprechweise bei Phone-in-Sendungen im Radio untersucht hat, liegt dieser Arbeit jedoch eine Printmedienanalyse zugrunde, so daß Rücksicht auf die verfügbaren Stilmittel der Schriftsprache genommen werden muß. Hier wiederum ergänzt Luchtenberg, daß sich Zeitungsberichte häufig durch ihre relative Vielfalt von Stilmitteln auszeichnen. Um einen für den Leser interessanten Sprachstil zu erzielen, können Journalisten auch aktuelle und möglicherweise noch fast unbekannte Redewendungen einsetzen, die sich noch nicht in der Standardspache etabliert haben (vgl. Luchtenberg 1985: 28). Eine Analyse von Zeitungen verspricht daher ein besonders reichhaltiges Bild, von dem später auf die gesellschaftliche Ideologie geschlossen werden kann.
Selbst Ulla Günther, die sich mit der Untersuchung derartiger Phone-in-Sendungen befaßt hat, muß immer wieder den Grad der Öffentlichkeit diskutieren, der von den jeweiligen Anrufern empfunden wird. Einerseits üben die Sprecher die gewohnte Tätigkeit des Telefonierens aus und halten sich selbst für ausreichend aufgeschlossen, um vor der Hörerschaft über tabuisierte Themen zu sprechen. Andererseits zeigt Günther jedoch anhand vieler und häufig verwendeter sprachlicher Strategien, daß auch diese Anrufer sich befangen verhalten (vgl. Günther 1992: 47). Während die Ergebnisse der bereits erläuterten Methoden aufgrund ihrer Problematik immer wieder relativiert werden müssen, sind bei einer Medienanalyse die Rahmenbedingungen offensichtlich. Analysiert man gesprochene oder geschriebene Sprache aus diversen Funk- und Printmedien, so stellt eine solche Analyse gar nicht erst den Anspruch, eine Sprechweise widerzuspiegeln, die der in zwanglosen, privaten Gesprächssituationen in irgendeiner Weise ähnelt oder gar gleichkommt. Statt dessen läßt sich der Sprachstil diverser Medien genau charakterisieren und beschreiben.
Darüber hinaus bietet eine Medienanalyse dennoch ähnlich detaillierte und aussagekräftige Ergebnisse hinsichtlich der kulturellen Eigenheiten der Gesellschaft, in der sie kursieren, wie eine konventionelle Gesprächsanalyse. Für die Tauglichkeit der Methodik der sogenannten Critical Discourse Analysis für den Bereich der Medienanalyse plädiert Brett Dellinger in seinem gleichnamigen Aufsatz und erläutert zugleich ihre Funktion (vgl. Dellinger 1995). Faßt man das Publikum der Massenmedien nicht nur als Botschaften empfangende Objekte, sondern als mit den Medien interagierende Subjekte auf, so erscheinen die Äußerungen der Medien als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Die Aussagen der Medien werden so nicht mehr allein als sprachliche Produkte ihrer Verfasser und Redakteure, sondern als Antwort auf ideelle Konstrukte der ganzen Gesellschaft betrachtet. Anstelle einer Analyse auf der Satzebene, in der semantische und syntaktische Untersuchungen eine Rolle spielen, fordert Dellinger eine Betrachtung der jeweiligen Medienbotschaft in ihrem ideologischen Kontext. Viele Aussagen und Redewendungen nehme der Empfänger als gegeben auf, ohne sie zu hinterfragen. Statt dessen sind viele Phrasen und Formeln an die Sichtweise einer gesellschaftlichen Ideologie angepaßt. Da die Empfänger meist keinen Stil einer alternativen Ideologie gewohnt sind, nehmen sie den Stil der geläufigen Ideologie als Charakteristikum medialer Berichterstattung an. Unabhängig von ihrer eigenen Einstellung gegenüber dieser Ideologie werden die Empfänger daher auf Dauer unsensibel für derartige eingebettete Annahmen. Dellinger bezieht sich hier auf Robert Kaplan, der die Besonderheit des Übermittlungsprozesses zwischen Verfasser und Empfänger herausstellt. Demnach muß es dem Verfasser zunächst gelingen, seine Ansichten im Text zu kodieren, bevor der Empfänger diese Ansichten aus dem Text dekodieren und möglichst richtig verstehen kann. Im Idealfall kommt es hier zu einer Kongruenz der Ansicht des Empfängers mit der des Verfassers (vgl. Dellinger 1995). Genau aufgrund dieser Kongruenz werden ideologische Ansichten oft als gegeben hingenommen oder gar nicht erst erkannt und somit nicht hinterfragt.
Auch Sigrid Luchtenberg diskutiert in ihrer Arbeit das Verhältnis zwischen der Sprache der Medien und gesellschaftlichen Diskursen. Sie verweist in diesem Rahmen auf das Recht der Pressefreiheit, das jedoch durch die gleichzeitige Verantwortung des Journalisten gegenüber der Gesellschaft eingeschränkt ist. Demnach dürfen Autoren keine Texte verfassen, die den Leser mittels sprachlicher Mittel in irgendeiner Weise beeinflussen könnten (Luchtenberg 1985: 28). Da aber auch die Verleger von Tageszeitungen den marktwirtschaftlichen Anforderungen der Effizienz unterliegen, werden Journalisten sich möglicherweise eher an den Bedürfnissen ihres Publikums orientieren. Dazu gehört in diesem Fall auch die Wiedergabe und die dadurch entstehende Verfestigung der öffentlichen Meinung. Relevante Kriterien für die Auswahl und die Gestaltung von Nachrichten in diesem Zusammenhang werden im Rahmen der News values im folgenden Abschnitt diskutiert werden.
Auch die Wahl lexikalischer Einheiten verweist Dellinger zufolge deutlich auf die Ideologie eines Autors. Die Wortwahl sei demnach keineswegs zufällig getroffen, sondern spiegele eine allgemein verbreitete, kulturelle Ansicht wider. Obwohl Dellinger nicht weiter auf die Analysemöglichkeiten auf lexikalischer Ebene eingeht, haben sich dennoch zahlreiche Forscher mit diesem vergleichsweise leicht greifbaren Phänomen sehr differenziert auseinandergesetzt.
Dellinger verweist außerdem auf die überproportional starke, emotionale Wirkung von Bildern auf den Empfänger. Die Art und Weise der bildlichen Darstellung bestimmter Sachverhalte sei häufig an triviale Umstände gebunden, vermittele daher aber ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. So werden Politiker meist in einer Rednerposition dargestellt, Rebellen dagegen in aggressiven Kampfszenen. Einander gegenübergestellt rückt der lediglich sprechende Politiker aufgrund der bildlichen Darstellung leicht in einer Opferposition, in der das System vor gewalttätigen Rebellen schützen muß. Die tatsächliche Handlungsmacht eines Politikers jedoch bleibt den Bildern fern (vgl. Dellinger 1995). Obwohl sich diese Analyse vorrangig auf sprachliche Aspekte konzentrieren soll, darf der einflußreiche Charakter von Bildern, der in fast jedem Massenmedium mehr oder weniger präsent ist, nicht außer Acht gelassen werden.
Die thematische Auswahl der in dieser Arbeit analysierten Texte ist auf Berichte im Zusammenhang mit dem Nordirlandkonflikt beschränkt, so daß die Theorie der news values hier nicht auf direkte Weise angewendet werden kann. Die Kriterien, die in ihnen enthalten sind, verdeutlichen jedoch, wie Journalisten auf die Bedürfnisse ihrer Verbraucher, der Medienempfänger, eingehen. Dabei halten sie eine Gradwanderung zwischen Nachrichten ein, die einerseits mit dem Vorwissen des Empfängers möglichst konsistent sein sollen, andererseits jedoch auch eine gewisse Überraschung in sich bergen. Für den Sprachstil im Zusammenhang mit den Themen des Nordirlandkonfliktes bedeutet dies, daß Journalisten stets die Ideologie ihrer Leser wiedergeben müssen. Sie müssen daher also auch auf in der Gesellschaft vorhandene Tabus Rücksicht nehmen. Um interessant zu bleiben, können sie diese Tabus jedoch auch zumindest in einem gewissen Maße brechen. Wird eine Tabuthema beispielsweise von den Mitgliedern einer Gesellschaft überhaupt nicht angesprochen, so steht es Journalisten frei, mit Hilfe von Stilmitteln, wie beispielsweise Euphemismen, auf diese Themen indirekt anzuspielen und so das Interesse des Lesers zu erwecken. Für die folgende Medienanalyse kann dies bedeuten, daß die in den Zeitungsberichten indirekt erwähnten tabuisierten Aspekte im Alltagsleben der irischen Gesellschaft einem um so stärkeren Tabu unterliegen.
Abbildung 1: Absolute Reichweite irischer und deutscher Tageszeitungen (Anzahl der Leser pro Ausgabe)

Überträgt man jedoch diese absolute Reichweite in eine Relation zur Bevölkerungszahl des jeweiligen Landes, so wird die relativ hohe Reichweite der irischen Tageszeitungen offensichtlich. Abbildung 2 zeigt die relative Reichweite der Zeitungen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Alter über 14 Jahren.
Abbildung 2: relative Reichweite irischer und deutscher Zeitungen in Prozent der jeweiligen Landesbevölkerung über 14 Jahren

Diese starke Divergenz im Bezug auf die relative Reichweite innerhalb der jeweiligen Bevölkerung läßt sich anhand des unterschiedlichen Medienmarktes in Irland und Deutschland erklären. Selbst die größten deutschen Tageszeitungen erreichen nur etwa jeweils zwei bis drei Prozent der erwachsenen Gesamtbevölkerung, da sie mit einem breitgefächerten Angebot vergleichbarer Medien konkurrieren müssen. Die großen irischen Tageszeitungen dagegen befinden sich auf dem dortigen Markt in einer Oligopolstellung. Abgesehen von den marktwirtschaftlichen Konsequenzen läßt sich daher festhalten, daß diese Zeitungen verglichen mit ihren deutschen Äquivalenten einen entscheidenden Teil der Bevölkerung erreichen und somit fest in den öffentlichen Diskurs der gesamten Gesellschaft integriert sind.
Zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Arbeit berichten die Tageszeitungen hauptsächlich über die Diskussion um die Entwaffnung der IRA. Gemäß einer im April 1998 von beiden Seiten verabschiedeten Vereinbarung, dem sogenannte Good Friday Agreement oder Belfast Agreement, will die britische Regierung am 10. März 1999 eine regionales, politisches Exekutivorgan in Nordirland einsetzen, dem insgesamt zehn Minister angehören sollen. Zwei der Sitze sollen dabei der republikanischen Partei Sinn Féin, dem politischen Flügel der IRA, zustehen. Die Angehörigen der Exekutive sollen ferner aus der schon bestehenden Nordirlandversammlung, der Northern Ireland Assembly, hervorgehen. Einen Monat vor dem Einsatz der Exekutive, am 15. Februar 1999, will die britische Regierung endgültig darüber entscheiden, ob die gegenwärtige politische Lage eine Machtübertragung an die Exekutive zuläßt. Der Vorsitzende der Nordirlandversammlung und Parteichef der Ulster Unionist Party (UUP), David Trimble, hat nun öffentlich gefordert, Sinn Féin nur dann an der Exekutive zu beteiligen, wenn die Partei vorher ihren paramilitärischen Flügel, die IRA, zu einer vollständigen Waffenübergabe bewegen kann. Dabei beruft sich Trimble auf den Inhalt des Good Friday Agreement, das eine Entwaffnung aller paramilitärischen Gruppierungen bis zum Mai 2000 vorsieht. Das Agreement selbst knüpft die Beteiligung von Sinn Féin also nicht an die Bedingung einer gleichzeitigen Entwaffnung. Trimble jedoch hält diese von ihm zusätzlich aufgestellte Bedingung für angemessen. Überdies werde die Zeit bis zum Ende der Frist für die Waffenübergabe immer knapper, so daß bald mit effektiven Schritten begonnen werden müsse, um die Frist überhaupt noch einhalten zu können.
Die gegenwärtige Diskussion enthält daher die unterschiedlichsten Meinungen und Forderungen zur weiteren Vorgehensweise. Gegner Trimbles, zu denen auch viele Angehörige seiner eigenen Partei zählen, behaupten, Trimbles Forderung sei nicht realisierbar und behindere den weiteren Friedensprozeß. Viele Beobachter zweifeln jedoch auch an der Kontrolle Sinn Féins über die IRA. Selbst wenn Sinn Féin eine Waffenübergabe für sinnvoll hielte, hieße dies noch nicht, daß die Partei auch in der Lage sei, eine solche zu veranlassen. In diesem Rahmen dreht sich die Diskussion jedoch derzeit immer wieder um dieselben Standpunkte. Ein weiterer definitiver Schritt war daher erst von der Entscheidung der britischen Regierung Mitte Februar 1999 zu erwarten, die die Zukunft der geplanten Exekutive bestimmen sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte jedoch noch keine Einigung erzielt werden, so daß die Nordirlandsekretärin Mo Mowlam mittlerweile einen weiteren Aufschub bis Anfang April 1999 eingeräumt hat.
Einen weiteren Diskussionsbrennpunkt bildet die Aufarbeitung des letzten größeren Terroranschlags der IRA im August 1998. Eine Bombenexplosion im nordirischen Omagh forderte damals 29 Tote und über einhundert Verletzte. Der nordirischen Polizei, der Royal Ulster Constabulary (RUC), sind die Täter des Anschlags mittlerweile bekannt. Es mangelt ihr jedoch an den erforderlichen Beweisen, um die Verantwortlichen strafrechtlich zu verurteilen. Andrew Hunter, ein konservatives Mitglied des Unterhauses, hat nun erwägt, die Namen der Täter in der wöchentlichen Fragestunde zur Nordirlandpolitik im Unterhaus öffentlich zu nennen. Als Parlamentsmitglied würde er in diesem Falle Immunität genießen, die ihn selbst vor einer strafrechtlichen Verfolgung als Konsequenz für seine Verkündung schützen würde. Seine Absicht jedoch ist es „to name and shame“ (Anonym 1999e) die Täter in einer öffentlichen und überaus medienwirksamen Situation. Indem die Namen der Täter publik gemacht werden, erhofft sich Hunter weitere zweckdienliche Hinweise zu dem Anschlag, die die erforderlichen Beweise erbringen könnten. In diesem Falle berichten die Tageszeitungen von den zahlreichen Wortmeldungen von Politkern aller Couleur, die sich größtenteils gegen Hunters Vorhaben aussprechen. Hat Hunter die volle Unterstützung der Angehörigen der Opfer des Anschlags, verweisen Politiker derweil auf die moralische Bedenklichkeit seines Schrittes und zweifeln an seiner Zuträglichkeit zum allgemeinen Friedensprozeß.
Des weiteren finden sich unter den analysierten Artikeln viele allgemeine Stellungnahmen und Reportagen von Journalisten, die den Nordirlandkonflikt in seiner Gesamtheit reflektieren und das aktuelle Geschehen in einen größeren zeitlichen Rahmen einbetten.
In den folgenden Abschnitten sollen diese Stilmittel näher erläutert werden und anhand von Beispielen aus dem zu untersuchenden Textkorpus auf ihre Relevanz hin überprüft werden. Die thematische Komplexität des Nordirlandkonfliktes könnte jedoch dazu führen, daß verschiedene Themenbereiche innerhalb dieses Komplexes auf unterschiedliche Weise behandelt werden. Daher werden im folgenden verschiedene Themenfelder einzeln untersucht.
Faßt man die verschiedenen Instrumente zur sprachlichen Behandlung von tabuisierten Themen unter dem Terminus der Strategien zusammen, so versteht Teun van Dijk darunter alle Bewegungen (engl. moves; van Dijk 1984: 116) innerhalb eines Gesprächs, die zur Erreichung des kommunikativen Ziels dienen. Vor allem in mündlichen Gesprächen lassen sich diese Bewegungen meist in Form von Korrekturen erkennen, die den weiteren Text genauer auf das Gesprächsziel ausrichten. Gemäß van Dijk liegt diesen Strategien ein sogenannter Plan zugrunde, in dem die kognitiven Repräsentationen eines Sprechers oder Autors über den Verlauf eines Gesprächs oder eines Textes enthalten sind. Eine einzelne Strategie, die durch einzelne Bewegungen im Text ausgeführt wird, stellt daher einen Teilplan dar, der zur Erfüllung des Hauptplanes beiträgt (vgl. van Dijk 1984: 115-116). Diese Terminologie erscheint zunächst vorrangig auf die Bedingungen der Analyse gesprochener Sprache angepaßt zu sein. Tatsächlich aber muß auch der Verfasser schriftlicher Sprache einzelne Strategien verfolgen, um seine Gesamtaussage Schritt für Schritt zu spezifizieren. Im Gegensatz zu gesprochener Sprache wird ein Autor jedoch Strategien verfolgen können, die planmäßig verläßlicher aufeinander abgestimmt sind. Sprecher dagegen müssen in der Lage sein, nach jedem Sprecherwechsel ihre Strategien zu modifizieren und anzupassen.
Eine weitere geläufige Referenz auf die Vergangenheit besteht in der Verwendung des Begriffes conflict, wie ihn beispielsweise Tony Blair mit der Phrase „after generations of conflict“ (Blair 1999) in seiner in mehreren Tageszeitungen publizierten Rede gebraucht. Selbst in der deutschen Sprache ist der Euphemismus Nordirlandkonflikt die geläufigste Bezeichnung für das komplexe Phänomen. Auch dieser Euphemismus wirkt durch eine Abschwächung der realen Gewaltausschreitungen. Außerdem kann in dem Begriff conflict eine Metapher gesehen werden, die das abstrakte und komplexe politische Phänomen durch einen konkreteren Begriff ersetzt. Das Wort conflict kann sich ebenso auf einen einfachen zwischenmenschlichen Streit beziehen. Die sprachliche Referenz auf die Gewaltausschreitungen in der Vergangenheit wird auf diese Weise umgangen.
In engem Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Friedensprozeß, dem die Medien vorzugsweise eine gewisse Eigendynamik zuschreiben, wird die bisweilen begründete Befürchtung geäußert, daß die Wiederaufnahme kriegerischer Handlungen auch in der Gegenwart noch jederzeit möglich ist. Ein solches Ereignis wird grundsätzliche in seiner Relation zur permanenten gesellschaftlichen Annahme eines Friedensprozesses wahrgenommen. Dieses Verhältnis äußert sich häufig in der räumlichen Metapher eines return, wie beispielsweise in den Phrasen „a return to violence“ (Fletcher 1999a), (Moloney 1999a) , (Moloney 1999b), (Clarke 1999a), aber auch „return to conflict“ (Clarke 1999a) oder „returning to war“ (Moloney 1999b). Während die Begriffe violence und conflict den vergangenen Zustand, auf den diese Rückkehr ausgerichtet wäre, nur ungenau und verschleiernd benennen, bezieht sich der Begriff war im letzteren Zitat vergleichsweise direkt auf den tatsächlichen Zustand.
Die vereinzelt gebrauchte Phrase “the old ways” (Blair 1999) umschreibt die Eigenheiten der Vergangenheit auf einer umgangssprachlichen Stilebene und läßt dabei den Aspekt der Gewalt völlig außer Acht, so daß eine sprachliche Bezugnahme auf das tabuisierte Thema vermieden wird. Zugleich drückt der Autor hier das allgemeine Empfinden der Gesellschaft aus, die sich mit dieser negativ besetzten Vergangenheit schon gar nicht mehr identifizieren möchte.
Nicht selten finden sich in den Zeitungen Konstruktionen, in denen die Autoren die unterschiedlichsten Stilmittel miteinander kombinieren, um einen noch euphemistischeren Effekt zu erzielen. Angesichts potentieller Terroranschläge von Seiten der IRA schreibt ein Autor im Sunday Tribune: „the IRA could seriously contemplate re-opening hostilities“ (Moloney 1999b). Schon die Anhäufung der verschiedenen Relativierungen und Einschränkungen verhilft der Phrase zu einer sehr indirekten Aussage, deren etwaige Gültigkeit für den Leser überhaupt nicht mehr einzuschätzen ist. Mit der allgemein verwendeten Abürzung IRA für die Terrorgruppe wird deren Name und Absicht verhüllt (vgl. Zöllner 1997: 138). Eine zusätzliche Wirkung erzielen die Fremdwörter contemplate und hostilities, deren Bedeutung dem Leser weniger exakt bekannt sein wird wie etwa die der geläufigeren Synomyme to consider, beziehungsweise fights (vgl. Zöllner 1997: 145-147). Schließlich trägt die Suffigierung einzelner Wörter wie in re-opening zu einer Bedeutungsrelativierung bei (vgl. Zöllner 1997: 144-145), so daß der Sprachstil der gesellschaftlichen Tendenz, die Grausamkeiten der Vergangenheit zu tabuisieren, in höchstem Maße gerecht wird.
Zusätzlich finden sich viele Metaphern, die aufgrund der Art ihres Verhältnisses zum bezeichneten Objekt verdeutlichen, welche Auffassung die Gesellschaft von dem Friedensprozeß hat. So wird der abstrakte Prozeß meist mit konkreten Alltagsbildern verglichen. Die Eigendynamik des Prozesses läßt sich demnach ähnlich einer Theateraufführung bedingt steuern. So hofft Mo Mowlam „to choreograph a series of moves by the Ulster Unionists and Sinn Fein“ (Kearney/Ryder 1999b). Der Prozeß kann auch mit Hilfe eines rollenden Fahrzeuges dargestellt werden, das durch verschiedene Kräfte gebremst wird, wie beispielsweise durch die „IRA's Executive, a body which historically has always acted as a brake on the Army Council“ (Moloney 1999a). Erneute Gewaltausschreitungen, wie „the Omagh bombing with its threat of a slide back into violence.“ (Moloney 1999c) können den Friedensprozeß gleichsam wie ein Fahrzeug auf unsicherem Untergrund ins Rutschen bringen. Mit der Referenz auf einen spielerischen Tanz wie in der Phrase „For the next four weeks the peace process will be in limbo“ (Breadun 1999b) wählt der Autor eine Vergleichssituation, die in keiner Weise mehr die Fatalität des Konfliktes vermittelt. Auch aus der Welt des Sports lassen sich triviale Spielsituationen herausgreifen, die dem Nordirlandkonflikt seine Gefährlichkeit nehmen: „If the baton in the relay race was passed to her, she [Mo Mowlam] was not going to drop it.“ (Breadun 1999b).
Der Kommentar in dem Satz „But not all of them seem to have appreciated that the game has changed, that the language and behaviour of the past is not appropriate to the provisional agreement“ (Arthur 1999) enthüllt schließlich auf deutliche Art und Weise die Einstellung der Gesellschaft zu ihrer Vergangenheit. Zwischen Vergangenheit und Zukunft wird hier ein Bruch vollzogen, der sich in allen Bereichen manifestieren soll. Die Metapher der Sprache anstelle der gesamten Handlungen in der Vergangenheit verweist dazu auf die enge Verbindung zwischen Sprache und realer Welt.
Damit der Leser sich nicht in seiner Vorstellung ausmalen muß, welche Konsequenzen ein Einhalt des Friedensprozesses haben könnte, verwenden Autoren häufig Fremdwörter, um diese Möglichkeit zu beschreiben, wie beispielsweise die Erwähnung von „fears that the situation is deteriorating“ (Kearney/Ryder 1999b). Kurze Zeit vor der untersuchten Periode wurde in Nordirland außerdem ein sogenannter „'normalisation report'“ (Moloney 1999c) veröffentlicht, der das Voranschreiten des Friedensprozesses dokumentieren soll. Die Bezeichnung wird dabei nicht als Eigenname verwendet und mit Großbuchstaben versehen; statt dessen verwenden Zeitungsautoren grundsätzlich Anführungsstriche, um die Bedeutung des Reports zu relativieren (vgl. Zöllner 1997: 152) und damit dessen niedriges Ansehen innerhalb der Gesellschaft auszudrücken. Auf ähnliche Weise drückt die Verwendung von Anführungszeichen in der Phrase „Ian Paisley, Bob McCartney together with the leaders of other ‘constitutional’ parties“ (Garland 1999) die Ansicht der Gesellschaft bezüglich der Instabilität der politischen Landschaft Irlands aus.
Die sprachliche Umsetzung eines Friedensprozesses, der sich aus eigener Kraft entwickelt, entläßt die Journalisten aus der Pflicht, Personen zu benennen, die direkt für die Entwicklung des Prozesses verantwortlich sind. Auf diese Weise läßt sich das heikle Thema der Schuldfrage problemlos umgehen, zumal auch der Leser nicht an einer minutiösen Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten für gegenwärtige Zustände interessiert zu sein scheint. Im allseitigen Einverständnis unterliegt somit auch die Benennung von Verantwortlichen in gewisser Weise einem sprachlichen Tabu. Autoren stellen lediglich fest, „that the time has come for real political progress“ (O’Toole 1999), ohne damit bestimmten Gruppen oder Personen direkt eine Aufgabe zuzuschreiben. So stellt der gleiche Autor später fest: „You have a number of sources of authority“ (O’Toole 1999). Um selbst diese Gruppe von Autoritäten im folgenden nicht mehr direkt benennen zu müssen, weicht der Autor danach auf eine Passivkonstruktion aus: „No decision has been taken yet“ (O’Toole 1999). Auch die Hoffnungen auf ein Ende der Gewalt sind derart vage, daß es für Journalisten sogar zu riskant ist, die Äußerung der Hoffnung einer bestimmten Gruppe oder Person zuzuschreiben, wie folgendes Zitat veranschaulicht: „The significance of the IRA's move may tempt some to conclude that it amounts to declaring the ceasefire to be permanent.“ (Moloney 1999a). Das unbestimmte Agens in some wird hier durch eine Reihe zusätzlicher Angaben wie may tempt sowie amounts to declaring weiter relativiert.
Ein weiterer Euphemismus liegt in den Substantiven „disarming“ (Fletcher 1999a) sowie „disarmament“ (Fletcher 1999a), (Clarke 1999a) vor. Mit dem Grundwort arms liegt hier zwar kein völliges Fremdwort vor, doch die Modifikation zu einem substantivierten Partizip und die zusätzliche Präfigierung erzielen in ähnlicher Weise einen euphemistischen Effekt. Im Gegensatz zu dem Begriff des decommissioning liegt im Falle von disarming kein Wechsel der Generalisierungsebene vor, so daß zumindest die Involvierung von Waffen im Falle von disarming direkt benannt wird. Der Begriff disarming wird aber im Gegensatz zu decommissioning vergleichsweise selten verwendet, was an seiner geringeren euphemistischen Wirkung liegen mag.
Die Bedingungen, die beide Seiten des Konflikts einander häufig stellen, um weitere Schritte des Friedensprozesses zu implementieren, sind häufig derart unrealistisch, daß die irische Gesellschaft beim Gedanken an die dadurch bewirkte Unerreichbarkeit eines dauerhaften Friedens schier verzweifeln mag. Der Terminus der „old preconditions“ (Moloney 1999b) zeigt durch seine stilistische Inkongruenz mit dem Rest des Textes die Tabuisierung einer sprachlichen Reflexion der ausweglosen politischen Situation. Die Präfigierung im Falle von preconditions ist eigentlich unnötig und verstärkt daher lediglich den Ausdruck der Bedingtheit der Bereitschaft einiger Parteien zum Frieden.
Diese Brisanz der Entwaffnungsfrage zeigt sich weiterhin in der permanenten Aussparung der Referenz auf die eigentlichen Personen, die eine solche Entwaffnung einleiten können. In der Phrase „before the IRA begins decommissioning“ (Anonym 1999h) bleiben verantwortliche Personen oder Splittergruppen der IRA, deren abgekürzter Name eine zusätzliche euphemistische Wirkung schafft, unerwähnt.
Weiterhin werden die verschiedenen Terrorgruppen, deren Struktur und Aufteilung selbst für Iren nicht leicht zu überschauen ist, meist mit dem Adjektiv paramilitary zusammenfassend gekennzeichnet. Terroristische Organisationen mit offiziellen militärischen Strukturen zu vergleichen, verschleiert effektiv deren Illegalität und rückt sie in die Nähe von gesellschaftlich akzeptierten Organisationen. Die Vorsilbe para- schwächt in diesem Falle weniger die Bedeutung des Wortes ab, sondern wandelt den Begriff vielmehr zu einer Leerformel, deren von der militärischen Grundbedeutung abweichender Inhalt nur noch schwer faßbar ist. Zusammen mit anderen allgemeinen Begriffen und Leerformeln wie beispielsweise in der Phrase „nationalists with previous paramilitary links“ (Anonym 1999g) oder in „the continuing paramilitary beatings“ (Breadun 1999c) werden terroristische Handlungen noch weiter verschleiert. Häufig werden Terroranschläge auch lediglich als Aktivitäten bezeichnet, wie in „the scale of paramilitary activity“ (Anonym 1999i) oder „active dissident paramilitary figures“ (Cusack 1999), so daß keinerlei Bezugnahme auf die Anwendung von Gewalt stattfindet. Auch im Zusammenhang mit der Entwaffnungsfrage kann von “paramilitary disarmament“ (Murphy 1999) gesprochen werden. Dabei kann der Militärbegriff produktiv eingesetzt werden und beispielsweise Assoziationen an die Demilitarisierung Deutschlands nach dem Zweiten Wetkrieg hervorrufen wie in „the Provos' demilitarisation agenda“ (Moloney 1999c). Als Substantivierung wie in „loyalist paramilitaries“ (Clarke 1999a) genügt der Begriff jedoch auch allein zur Referenz auf Terrorgruppen. Wie bedeutungsarm und unspezifisch der Begriff dabei geworden ist, verdeutlicht der Ausdruck der „political paramilitary leaders“ (Garland 1999), der sich bei einer spezifizierteren Bedeutung von paramilitary als Oxymoron herausstellen würde. Die schwierige Aufgabe der Bekämpfung gegenwärtiger Terrorakte läßt sich mit Hilfe von abstrakten Fremdwörtern wie in der Phrase „to diminish the levels of paramilitary involvement“ (Breadun 1999c) verhüllen. Die ausdrückliche Unterscheidung in der Phrase „all agree it was a paramilitary rather than "criminal" raid“ (Cusack 1999) verdeutlicht die bewußte Trennung im Denken der irischen Gesellschaft. Demnach agierten paramilitärische Terrorgruppen auf einer höheren moralischen Ebene als schlichte Kriminelle.
Im Rahmen euphemistischer Fremdwörter muß außerdem die häufige Verwendung des Begriffes dissident erwähnt werden. In diesem Falle steht die wörtliche Übersetzung der Andersdenkenden in der Relation einer Hypernymie zu den eigentlich bezeichneten Terroristen. Dabei läßt der Oberbegriff den Aspekt der Beteiligung von Gewalt bewußt aus, so daß die Terrorgruppen sprachlich verschleiert und dem Gewalt- und Vergangenheitstabu der Gesellschaft angepaßt werden. Zur näheren Bezeichnung der Terrorgruppen eignen sich dazu Adjektive der allgemeinsten Ebene wie beispielsweise in „dissident republican“ (Moloney 1999c), „dissident republican operations“ (Cusack 1999) oder „dissident loyalists“ (Breadun 1999c). Auch Tony Blair unterscheidet zwischen „loyalist and republican dissidents“ (Blair 1999). Cusack verweist an einer Stelle durch die Verwendung von Anführungszeichen auf den vorliegenden Euphemismus in „these ‘dissidents‘“ (Cusack 1999), vermeidet dabei allerdings trotzdem eine konkretere Bezugnahme und bedient sich des etablierten Begriffes an anderer Stelle in gewohnter Weise mit „dissident groups“ (Cusack 1999).
Anhand der unterschiedlichen Vagheit einiger Formulierungen läßt sich außerdem erkennen, welche gesellschaftliche Gruppierung irische Journalisten ansprechen wollen. So bezieht sich ein Autor des nordirischen Belfast Telegraph hinsichtlich der begangenen Morde in direkter Weise auf die Taten der gegnerischen, republikanischen Seite: „around 563 of the 1,940 killings carried out by republicans from 1969 until the end of 1998.“ (Breen/McCartan 1999). Morde, die von der eigenen Gruppe zu verantworten wären, spricht der Autor im unmittelbaren Anschluß dagegen nur sehr vage an, um sein Publikum nicht mit der selbstverantworteten, unangenehmen Vergangenheit zu konfrontieren: „Loyalists are believed to have killed 888 people with nearly 50% of those murders resulting in charges.“ (Breen/McCartan 1999).
Mit dem Wissen um die sprachlichen
Mittel zur Referenz auf Tabuthemen und um die Techniken der Critical Discourse
Analysis ließ sich eine Printmedienanalyse durchführen, deren
Ergebnis zeigt, daß die Grausamkeiten der Vergangenheit in der irischen
Gesellschaft bereits in gewissem Maße einem Tabu unterliegen. Während
die zukünftige Entwicklung eines der größten Themen innerhalb
der Zeitungsberichte darstellt, werden Rückschritte im Friedensprozeß
selten spezifiziert, sondern höchstens verhüllt angedeutet. Bezugnahmen
auf Gewaltakte in der Vergangenheit finden nur selten statt und werden
als Ereignisse nicht genauer erläutert. Während Journalisten
Gewaltanwendungen in der Vergangenheit sowie in der Gegenwart meist mit
subtileren Stilmitteln wie Agensauslassungen und verhüllenden Euphemismen
erwähnen, verwenden sie im Bezug auf den voranschreitenden, positiven
Friedensprozeß gewagtere Stilmittel wie bildhafte und lebendige Metaphern.
Wenn der Friedensprozeß auch in einer negativen Vergangenheit angefangen
hat und aus ihr herausführen soll, so stellt er im Vergleich zu den
anderen Themenkomplexen dennoch das am geringsten mit der kollektiven Verantwortung
belastete Feld dar. Angesichts des Verhältnisses zwischen der Sprache
der Medien und den gesellschaftlichen Diskursen läßt sich schlußfolgern,
daß die negative Vergangenheit bereits aus der kollektiven Erinnerung
verdrängt wird. Damit bestätigt sich die anfangs aufgestellte
These, daß Gesellschaften negative Aspekte ihrer Vergangenheit tabuisieren,
um eine positive Identität wahren zu können, was selbst Tony
Blair mir seiner Aussage bekräftigt: „History can be overcome“ (Blair
1999) – sie ist bereits tabu.
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